Au bout de la rue

 

>>Ich bin schon groß, ich kann alleine nach hause gehen<<, sage ich mir, als ich gegen 22:30 Uhr von der Wohnung meiner Freundinnen aufbreche. >>Und außerdem sind es gerade mal 5 Minuten zu fuß zur nächsten U-Bahn.<< Und doch gucke ich mich zwei Mal um, als ich den Innenhof verlasse und taste in meiner Tasche unauffällig nach dem Pfefferspray. Gefunden.

Ich umschließe das glatte Metallteil mit der rechten Hand und merke wie ein bisschen Sicherheit zurückkehrt. An den Treppen zur U-Bahn stehen drei Jungs. Vielleicht zwischen 19 und 25. Ich merke, dass sie mich anstarren, den ganzen langen Weg, bis ich endlich an ihnen vorbei bin. Einer pfeift durch die Zähne, ein anderer ruft mir etwas hinterher. Ich ignoriere es, hole mein Handy aus der Tasche, tue so als würde ich jemanden anrufen.

Als ich in der U-Bahn sitze atme ich tief durch. Jetzt noch 4 Stationen und 8 Minuten Heimweg... 

 

 

Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen, 30 km entfernt von der nächsten Großstadt, 3000 Einwohner, da kennt jeder jeden. Da bin ich gern nachts allein durch die leeren Straßen gegangen. Weil da keiner war, vor dem ich Angst hatte.

 

Mittlerweile lebe ich seit 5 Jahren in München, kenne meine Nachbarschaft, die "Schleichwege" nach hause und habe mich daran gewöhnt, dass es scheinbar normal ist von fremden Männern angegafft und angesprochen zu werden. Bewusst geworden, wie blöd dieser Gedankengang ist, ist mir das so richtig, als ich letztens auf >>Au bout de la rue<< von Maxime Gaudet gestoßen bin:

 

 

Mir kamen die Szenen ziemlich bekannt vor und als die Protagonistin auf die Frage ihres Freundes "Wie gehts dir?", mit "Gut." antwortet, musste ich ganz schön schlucken.

Meiner Meinung nach gibt es zwei Arten das Ende zu betrachten. Entweder sie schämt sich vor ihrem Freund, oder es ist schlicht und ergreifend so normal, dass sie es gar nicht mehr als nötig empfindet darüber zu sprechen.

Ich denke eher letzteres. So geht es mir jedenfalls. 

Und ich bin es leid.

 

Ich will keine Angst haben. Nicht auf dem Nachhause-Weg, nicht in der U-Bahn, nicht in der Unterführung.

Ich meine was ist eigentlich los mit unserer Gesellschaft? Wann hat das angefangen, sich als Nutte beschimpfen lassen zu müssen, wenn man NICHT mit jemandem nach hause geht?

Ich bin tatsächlich noch in dem Glauben aufgewachsen, Männer und Frauen wären gleichberechtigt und man könnte sich als erwachsene, nicht gleichgeschlechtliche Menschen in die Augen sehen und respektvoll miteinander umgehen.

Und mit respektvoll meine ich nicht dieses Lehrer - Schüler oder Chef - Angestellter Ding. Ich meine Respekt vor dem Körper und den Gefühlen aber vor allem vor der jeweiligen Komfortzone des Anderen.

Da ist es egal ob ich ein Mann oder eine Frau, eine Prostituierte oder ein Priester, ein Erwachsener oder ein Kind bin. 

 

Wenn ich mir eines wünschen könnte, dann wäre es mehr Empathie für alle.

Schaut euch in die Augen, wenn ihr euch gegenüber steht.

Lächelt euch an.

Helft euch gegenseitig.

Und schaut hinter die Maske des Anderen.

Ich will nicht durch die Welt gehen und überall nur das Negative sehen, auch wenn es davon vielleicht viel mehr gibt als Positives.

Ich will, dass man mir in die Augen schaut.

Dass man mir zulächelt.

Und vielleicht auch dass man mir mal hilft.

 

Und würde nicht jeder von uns gern hin und wieder seine Maske fallen lassen?

 

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